Ca. 60 bis 200 freundliche Herren möchten am heutigen Samstag, den 03.03.2012, der an Femdenverkehr gewöhnten Stadt Münster einen Besuch abstatten und ihr grundgesetzlich geschütztes Demonstrationsrecht wahrnehmen, indem sie einen Aufmarsch veranstalten. Doch leider, leider, mussten die Herrschaften beim Anmelden ihrer Demo feststellen, dass an diesem Tage bereits etliche andere Demonstranten alle möglichen Routen in der Innenstadt für Demonstrationen in Beschlag genommen hatten, so dass nur noch das entlegene Rumphorst-Viertel zur Verfügung stand. Schade aber auch …
Westfalen sind bekanntermaßen ein stures Völkchen. So werden denn auch 130 Gruppierungen, darunter auch die lokale Piratenpartei, den Demonstranten unter dem Motto „Keinen Meter den Nazis“ Gesellschaft leisten. Die geplante Route soll zum Sperrgebiet erklärt werden, so dass in der fraglichen Zeit nur Anwohner und deren Gäste rein dürfen. Erstaunlicherweise werden an diesem Samstag wohl mehr „Parties“ mit Gästebeteiligung im Rumphorst-Viertel veranstaltet als am Altweiber-Donnerstag in ganz Münster, auch haben etliche ihren Glauben wieder entdeckt. Und gastfreundlich sind die Anwohner …! ;)
Die Stadt nimmt den Termin außerordentlich ernst. In städtischen Bussen etwa wurde diese Woche in Durchsagen auf mögliche Engpässe und Umleitungen hingewiesen. Der Kollege Hoffmann informiert über das Demonstrationsrecht. Zwischen allen Stühlen sitzt Münsters Polizeipräsident Hubert Wimber, der erste grüne Polizeipräsident Deutschlands überhaupt, der nun einmal dem geltenden Recht verpflichtet ist.
Vor Jahren befanden Enthusiasten des damals neuen Internetprojekts „Wikipedia“ diese großartige Idee für so wichtig, dass sie für das private Projekt spenden wollten. Da man sich mit Spenden in die USA schwer tat, nicht ohne weiteres Spendenquittungen ausgestellt werden konnten und sich die Community auf die deutschsprachige Wikipedia beschränken wollte, gründeten Aktivisten 2004 einen Verein. Wesentlicher Zweck des „Wikimedia e.V.“ war es ursprünglich also gewesen, die deutschen Spenden zu verwalten. Die Wikimedia Foundation in San Francisco gestattete dies und kooperierte mit „Wikimedia Deutschland e.V.“, so dass dieser Verein mit Werbebannern in der Wikipedia um Spenden werben durfte, obwohl der Verein rechtlich (angeblich) nichts mit der Wikipedia zu tun hat und lediglich als loses „Chapter“ der Wikimedia Foundation „freies Wissen fördern“ will.
Zum Mitschreiben: Die Wikipedia wird ausschließlich in den USA gehostet. Zum Betrieb der Wikipedia ist keine Spende an den deutschen Wikimedia-Verein erforderlich. Wikimedia e.V. bestreitet auch, inhaltlich für die Wikipedia verantwortlich zu sein oder hierauf Einfluss nehmen zu können. (Die Tatsache, dass sich der Verein aus der Wikipedia-Elite rekrutiert, die sehr wohl alle denkbaren Zugriffsrechte hat, soll hierbei nicht weiter irritieren …)
In ersten Jahren versuchten die Leute von Wikimedia e.V. erfolglos, den zunehmend guten Namen der Wikipedia auf andere Weise zu versilbern, etwa mit der Herausgabe einer „gedruckten Wikipedia“ oder einer „Wikipedia-CD“ bzw. „DVD“, was bei einer Internet-Enzyklopädie schon ein bisschen einfältig war. Als Häuptling tat sich Kurt Jansson hervor. Auch ein gewisser Arne Klempert mischte u.a. als Geschäftsführer mit, der allerdings dann irgendwann unter dubiosen Umständen den Hut nehmen musste. Ein umtriebiger Internetunternehmensberater namens Sebastian Moleski nutzte 2009 die Gunst der Stunde und griff zum Zepter.
Nachdem das Spendenaufkommen in den letzten Jahren unerwartet hoch ausfiel, wussten die neureichen Wikimedianer gar nicht, wohin damit. Die Wikipedia-Datenbank organisierte sich selbst, die Autoren arbeiteten kostenlos. Im Wiki-Umfeld schwirrten jedoch allerhand Leute, die plötzlich ihren eigenen Bedarf am Wikimedia-Schatz entdeckten. Der gemeinnützige Verein konnte natürlich nicht ohne Weiteres die Taschen der Bedürftigen füllen. Doch obwohl dieser Verein praktisch nichts zu tun hatte, als Spenden zu verbuchen,- insbesondere weder redaktionell, noch administrativ in die Wikipedia eingreift – wurde eine gewisse Anzahl an „Arbeitsplätzen“ geschaffen und fieberhaft nach Aufgabenfeldern gesucht, mit denen man das Spendeneinnehmen rechtfertigen könnte.
So leistet sich dieser Verein eine eigene Pressesprecherin, obwohl bei der Öffentlichkeitsarbeit in den Medien eigentlich eher die Funktionäre und der Geschäftsführer auftreten. Die Pressesprecherin etwa beantwortet E-Mails von Journalisten häufig gar nicht oder mit erstaunlicher Verzögerung. Dies ist deshalb bemerkenswert, weil sie zu dieser beschwerlichen Aufgabe sogar zwei Assistenten hat ( Community Assistent und dem PR-Assistent), die ebenfalls fürs E-Mailen überfordert scheinen. Sofern es ihre kommunikative Aufgabe gewesen sein sollte, der Öffentlichkeit zu erklären, dass Wikimedia e.V. nicht die Wikipedia sei, Spenden an Wikimedia e.V. also zum Erhalt der Wikipedia gar nicht nötig sind, darf man dieses Anliegen wohl als gescheitert ansehen. Wäre ja auch blöd für das Spendenaufkommen, denn welcher Wikipedia-Nutzer würde für einen derartig sinnlosen Verein Geld erübrigen?
Wie die Pöstchen bei Wikimedia e.V. vergeben werden, wäre ein Thema für sich. Bemerkenswert ist schon, dass die Angestellten dort als erstes Qualifikationsmaßnahmen bezahlt kriegen. So werden den angestellten Wikimedianer üppig Englischkurse spendiert, was die Frage aufwirft, warum Wikimedia bei der Auswahl nicht gleich qualifizierte Leute einstellt. Aber irgendwo muss das Geld ja hin.
Ein weiterer Ansatz zum Abbau des gemeinnützigen Vereinsvermögens war das Verprassen von Spesen. Die Wikimedia-Aktivisten jetteten um den halben Globus zu Wikimedia-Treffen, hielten bei den Wikipedia-Stammtischen Hof und leisteten sich innerhalb Deutschlands „Forschungsreisen“, um es mal so zu nennen. So mieteten sich die Wiki-Mächtigen in einem Spaß-Hotel in Kaiserslautern ein, um über eine – belanglose – Veranstaltung mit Dinosaurierpuppen in der damaligen Landesgartenschau zu schreiben. (Abgesehen davon, dass der Beitrag absolut unspektakulär war und ihn genau so gut auch pfälzische Wikipedianer hätten schreiben können, stehen eigene Forschungen doch eigentlich im Widerspruch zum Wikipedia-Dogma „no orginal research“ …).
Als originell erwies sich eine anrüchige Partnerschaft mit einem Unternehmen, das für nachwachsende Rohstoffe stand. Wikimedia-Spendengelder gingen – warum auch immer – an dieses Unternehmen, das wiederum einen bekannten Wiki-Funktionär beschäftigte.
Als die in die Kritik geratenen Wikipedanten 2009 das erste Mal selbst eine öffentliche Veranstaltung, nämlich eine Podiumsdiskussion durchführten, geriet die Sache zu einem derartigen Desaster, dass die Peinlichkeit nicht einmal im eigenen Jahresbericht erwähnt wurde. (Ich allerdings habe sie erwähnt, übrigens wesentlich deftiger auch Christopher Lauer.)
Doch auch die ausgeprägte Reisefreudigkeit der bespendeten Wikimedianer reichte nicht aus, um den Inhalt des Geldspeichers unters Wikipedanten-Volk zu bringen. Neben vielen Pseudoprojekten, die sich die Wikimedia-Promis so ausknobelten, kam dann eines Tages jemand auf die Idee, mit dem Geld vielleicht wirklich sinnvolle Dinge zu tun. Hierzu sollte eine Ausschreibung für Projektvorschläge gemacht werden, die sich in etwa am Modell der Filmförderung orientieren. Bereits nach der ersten Durchführung dieses sogenannten „Community Budget Projects“ fiel auf, dass die Entscheidungsfindung zur Vergabe von Projekten ein bisschen „intransparent“ war.
Letztes Jahr nun hat Wikimedia e.V. erneut ein Community Budget Project ausgeschrieben. U.a. um herauszufinden, wie man bei Wikimedia e.V. mit der Vergabe der gemeinnützigen Spendengelder umgeht und mit den Antragstellern kommuniziert, hatte ich selbst ein Projekt eingereicht.
Ob man bei Wikimedia e.V. seit dem Kindergarten von 2009 etwas dazu gelernt hat, werde ich in der Fortsetzung verraten.
Gestern habe ich einen EU-Experten ausgequetscht, der erfolglos einen Antrag auf Freigabe eines Rechtsgutachtens zu ACTA gestellt hat. Aus irgendeinem Grund meint das Europaparlament, eine Freigabe könne die Staaten, die ACTA noch nicht ratifiziert hätten, irritieren. Weiter auf TELEPOLIS.
UPDATE: Das geheime ACTA-Dokument SJ-0501/11 wurde inzwischen geleakt und findet sich im Anhang von dieses Dokuments.
Indes hat sich auch Prof. Thomas Hoeren zum aktuell diskutierten „Warnhinweismodell“ geäußert, das die CDU-Internetausdrucker sich ausgekaspert hatten. Wenig überraschend hat er „Bedenken“.
Mehr als ein Jahr beschränkte sich Julian Assange in der Öffentlichkeit praktisch auf die Rolle einer Drama-Queen; nun hat er in der Nacht, in welcher die USA sich selbst bei den Oscars feiern, einen sorgfältig orchestrierten Coup gelandet:
Assange waren etliche E-Mails des privaten Geheimdienstes STRATFOR zugespielt worden. Ebenso, wie große Teile des US-Militärs privatisiert wurden und obskure Firmen wie Blackwater groß machten, wurden unter Bush beträchtliche Teile der Geheimdienste outgesourced. Insbesondere aus der CIA wurden etliche Leute abgeworben, die ihr Wissen nun zum vielfachen Preis den Diensten von Außen her anbieten. Eine solche Firma ist STRATFOR, die ein weltweites Netz an konspirativ bezahlten Agenten unterhält.
Die Vorteile liegen auf der Hand:
Private Geheimdienste können sich der parlamentarischen Überwachung leichter entziehen, als staatliche.
Die Bosse dieser Einrichtungen sind mit Spitzenpolitikern eng verbandelt, die Wege kurz.
Die Elite kann sich die steuerfinanzierten Geheimdienstetats direkt in die Taschen schaufeln. Die USA geben für ihre Geheimdienste mehr Geld aus als Deutschland für die gesamte Bundeswehr
Zu den Aufgaben von Stratfor gehört auch klassische CIA-Drecksarbeit wie Schmutzkampagnen, so etwa gegen die Yes Men, welche das zynische US-Untzernehmen Union Carbide vorführten. Die Yes Men hatten gegenüber der Presse einen Sprecher der übernehmenden Firma inszeniert, der die Entschädigung der Opfer der Katastrophe in Bophal versprach, siehe obiges Video.
So verwundert es auch nicht, dass der Name des „Staatsfeindes Nr. 1“ Assange häufig in den E-Mails auftaucht. Zweifellos wurden die Sachverhalte, wegen denen Assange in Schweden beschuldigt wird, politisch benutzt. (Die Ursache von Assange juristischen Problemen hat allerdings mit Sicherheit kein Geheimdienst gesetzt.)
Stratfor wurde offenbar von Anonymous gehackt, wie bereits im Dezember bekannt wurde. WikiLeaks hat diesmal etliche Medien ins Boot geholt, darunter offenbar auch den NDR. Wenig überraschend fehlt als Kooperationspartner DER SPIEGEL. Als 2010 das Geschacher um die Cabels unappetitliche Ausmaße annahm, hatten die Hamburger bewiesen, dass sie beim falschen Spiel mindestens ebenbürtig waren. Als Cablegate dann schließlich anrollte, hatte man fast den Eindruck, DER SPIEGEL sei um Schadensbegrenzung bemüht, denn in den Fokus rückte vor allem Boulevard-Zeugs, während die wirklich wichtigen Dinge so klein gehalten wurden, dass sie publizistisch versenkt wurden. Unter den Umständen hätte DER SPIEGEL dem Pentagon schwerlich gefälliger sein können.
Als es vor zwei Monaten mit Wulff peinlich wurde, flachsten Leute aus dem Berliner Chaos Computer Club über eine mögliche Kandidatur von Georg Schramm. Als man Wulff den Schuh zeigte, hatte sogar jemand ein entsprechendes Plakat dabei. Anfang Januar nahm ich den Ball auf und schrieb eine launige Glosse, die eigentlich nur dem Leser ein Schmunzeln hätte schenken sollen. Der eigentlich belanglose Artikel wurde jedoch von den Lesern exorbitant oft angeklickt und erfuhr letzten Freitag nach dem Wulff-Rücktritt wieder eine gewisse Aufmerksamkeit. Das halbe Internet glühte für Schramm, die Presse griff das Thema auf, und sowohl die Piraten als auch die Linkspartei spielten mit dem Gedanken an eine Nominierung.
Heute nun machte Schramm Aschermittwoch und sagte ab. Stattdessen schlägt er vor, das Amt abzuschaffen, wie kürzlich der Kollege Wegener. Ein Königsmacher bin ich also doch nicht … ;) . Die Linkspartei hat indes einen schönen Vorschlag: Beate Klarsfeld. Moral trifft Doppelmoral. Wie werden unsere Realsatire also doch noch bekommen …
UPDATE: Schramms Absage generierte über 200 Pressemeldungen …
Heute am Rosenmontag müssen sich die Politiker mal wieder dem volkstümlichen Spott der Karnevalisten stellen. Frau Merkel hat das ja perfekt getimet, denn den Gauck werden die kaum noch auf die Wagen gehievt bekommen. Wulff hatte bereits letzte Woche den Kappen reingegrätscht und das Thema beerdigt. Nun kann also die tendenziell konservative Veranstaltung „Karneval“ ihren geordneten Gang nehmen.
Ein schönes Feature über die Kulturtechnik der Beleidigung gibt es gerade beim WDR. Die geschätzte Frankfurter Kollegin Gaby Rittig kommt auch zu Wort, die bekanntlich die Titanic vertritt, die am meisten verbotenen deutschen Zeitung. ;)
UPDATE: Die GVU hat keine entsprechenden Strafanträge gestellt, die StA Dresden ermittelt von Amts wegen. Die GVU kommentiert aber so, als ob sie das billigt.
Die beiden niederländischen Journalisten, die einen SS-Veteranen mit versteckter Kamera gefilmt und seine Worte mitgeschnitten haben, wurden heute von einem deutschen Gericht freigesprochen.
Der EGMR hat heute die Verurteilung eines national eingestellten Schweden bestätigt, der Schüler mit seinen homophoben Ansichten genervt hat.
Diese Woche hatte der EGMR einen einst koksenden Schauspieler in Sachen Persönlichkeitsrecht auf Entzug gesetzt. Der hatte 2005 die BILD-Zeitung verklagt – natürlich in Hamburg. Die Urteile wurden kassiert, der deutsche Staat darf jetzt 50.000 Flocken an Axel Springer zahlen. (upgedatet)
Apropos Koks: Benjamin von Stuckrad-Barre fällt gerade wegen seiner alten Angewohnheit auf, anderen den Mund verbieten zu wollen. Der Mann ist ja selbst alles andere als schüchtern. Seinen Film werde ich mir jedenfalls dann doch nicht ansehen.
Auch ein gewisser Herr Bismarck hat Schande über seine bekannte Familie gebracht, weil er sich gerade von einem Herrn Schädel mit einem schönen Prozesstrick hat hereinlegen lassen. Ein andermal mehr dazu.
Der Vorstand der weltweit bedeutendsten Vereinigung von Hackern und digitalen Bürgerrechtlern, der ehrwürdige Chaos Computer Club, jener unabhängige, kompetente wie verlässliche Leuchtturm in der IT-Welt, hatte im Sommer mit einem neuen Führungsstil experimentiert: Gutsherrenart. Derartig vereinsschädliche Wikipedanterie passte jedoch nicht so recht zu einem Verein reifer, intelligenter und weltmännischer Nerds, die sich insbesondere der Individualität, Demokratie und Freiheit von Informationsfluss verschrieben haben. Ein halbes Jahr nach einem befremdlichen Missgriff hat der CCC nun diesen Samstag defragmentiert, startete dann am Sonntag den DEBUG-Modus und spielte ein partielles Vorstands-Update auf. Nicht alles Porzellan, das da offenbar in den vergangenen Monaten zerschlagen wurde, wird sich durch einen Restart-Button heilen lassen – aber vielleicht durch die Zeit. Der CCC ist also jedenfalls doch der Club, für den ich ihn hielt. Gebraucht wird er mehr denn je.