Im Dezember hatte mich TELEPOLIS gebeten, über den Bundesparteitag der Piraten in Offenbach zu berichten, da ich ohnehin vor Ort war. Dies hatte ich zunächst unter Hinweis auf mein Partei-E-Book abgelehnt, da insoweit die journalistische Distanz fehlte. Allerdings fand es TELEPOLIS reizvoll, auch Meinung zu bringen, die wir natürlich als nicht neutral kennzeichneten. Aufgrund des Leserzuspruchs wiederholten wir die Aktion mit dem „embedded journalist/pirate“ auch beim ad-hoc-Landesparteitag in Münster, was insofern in Ordnung war, weil ich in erster Linie vom Hochsitz aus beobachtete, wie sich die „Partei in progress“ entwickelte.
Inzwischen sind die Piraten aber nicht nur eine bessere Bürgerrechtsbewegung unterhalb der 5%-Hürde, in der man Haltung zeigen kann, sondern fährt als Partei in Umfragen nunmehr zweistellige Werte ein, sitzt nun sogar in zwei Landesparlamenten und steuert zwei weitere selbstbewusst an. Zudem berichten die konventionellen Medien häufiger und kompetenter von unseren Parteitagen. Außerdem berate ich die Partei beim Presserecht und kandidiere für das Bundesschiedsgericht. Meine Doppelrolle als Journalist und Parteigänger hatte zudem den kuriosen Effekt, dass ich ausgerechnet die Person nach Möglichkeit ausklammerte, an der die Medien das größte Interesse hatten, nämlich die politische Geschäftsführerin jener Partei, die laut Umfragen nunmehr die drittstärkste politische Kraft im Bund sein soll. Da ich jedoch mit Marina Weisband nun einmal gut befreundet bin, wie man neulich – leider etwas peinlich – in der Heute-Show sehen konnte, sind es dann doch ein bisschen viel Interessenkonflikte.
Daher werde ich bei TELEPOLIS, wo ich selbst häufig Medienkritik äußere und Propaganda kritisiere, nicht mehr von Parteiveranstaltungen der Piraten berichten, sondern vorzugsweise hier im Blog oder auf Twitter. ;)
Die erste Serie der Piraten-Plakate in NRW verzichtete wieder auf Politikerfotos, sondern beschränkte sich auf Slogans (und QR-Code ….). Nach Berlin und Schleswig-Holstein wird es in einem zweiten Schwung Plakate mit Menschen drauf geben. Allerdings handelt es sich in NRW nicht um Landtagskandidaten, sondern Basispiraten. Auch hier wurde alles demokratisch abgestimmt, Werbeagenturen halten die Piraten für entbehrlich. Das wird die Medienvertreter vermutlich überfordern, aber das sind wir ohnehin nicht anders gewohnt. ;)
Überhaupt ist bemerkenswert, wie viele Medienvertreter die Dinge nicht checken. Noch krasser scheint der Informationsrest zu sein, der dann tatsächlich bei den Leuten ankommt. So vermeldet SPIEGEL ONLINE, jeder Dritte Deutsche erwäge, die Piraten zu wählen. Aber offenbar sind viele Botschaften noch nicht angekommen:
Personal und politische Inhalte spielen für den Erfolg der Piraten offenbar eine eher untergeordnete Rolle. Marina Weisband, Politische Geschäftsführerin der Piraten und häufiger Talkshow-Gast, halten gerade mal 29 Prozent der Deutschen für eine Piratin. Der Bundesvorsitzende Sebastian Nerz ist nur 28 Prozent ein Begriff.
Dagegen halten sogar 23 Prozent den Ex-Sprecher von Christian Wulff, Olaf Glaeseker, für einen Piraten, bei dem FDP-Politiker Wolfgang Kubicki sind es 19 Prozent. Piraten-Vize Bernd Schlömer hingegen, der auf dem Bundesparteitag Ende April für den Vorsitz kandidiert, ordnen nur 16 Prozent der Partei zu.
Es gibt also noch viel zu tun.
Auch die politischen Mitbewerber bieten interessante Deutungen: Für die FDP sind die Piraten eine „Linkspartei mit Internetnschluss„, die LINKE sieht uns immer wieder als „Nachfolger der FDP“.
Anfang 2010 trafen sich die NRW-Piraten, um ein Programm für die Landtagswahl 2010 auszuknobeln. Ein Sympathisant hatte kostenfrei einen Raum im „Wuppertaler Dart-Center“ zur Verfügung gestellt. Mir fiel damals die Aufgabe zu, die zum Teil enthusiastischen Vorschläge rechtlich ein bisschen in Form zu bringen. Während damals die Anzahl der Teilnehmer überschaubar war, hat sich die Piratenpartei seither „ein bisschen“ vergrößert, so dass auch der an diesem Wochenende stattfindende Programmparteitag eine Nummer größer ausfällt.
Etliche der Programmanträge wurden durch Arbeitskreise vorbereitet; in einer basisdemokratischen Partei – also ohne Delegiertensystem – kann natürlich jeder seine Anträge einbringen oder sich Gehör verschaffen. Am meisten Stimmung gibt es naturgemäß bei „trolligen“ Anträgen. Bisweilen schaukeln auch die Emotionen hoch, etwa bei polizeirechtlichen Themen, bei denen mich der Verdacht beschleicht, dass viele vom Polizeirecht der Gegenwart nur eine überschaubare Vorstellung haben. Basisdemokratie fehlt nun einmal konstruktionsbedingt die Expertise und ist strukturell anfällig für Demagogen – die heute allerdings noch nicht gesehen wurden, wenn man vereinzelte Hitzköpfe nicht dazu zählen möchte. Einige der Personen, die sich beim Aufstellungsparteitag für die Spitzenkandidatur empfahlen und offensichtlich chancenlos waren, glänzen durch Abwesenheit.
Bislang scheint der Versuch zu gelingen, auch in einer aus vielen Individualisten bestehenden Basisdemokratie vernünftige Beschlüsse zu fassen. Der Parteitag läuft erstaunlich routiniert und unaufgeregt ab. Die NRW-Piraten bereiten sich auf ihre Rolle als ernst zu nehmende Parlamentarier vor.
Das Plakatieren in NRW ist im Straßen- und WegeG NRW sowie in den örtlichen Satzungen geregelt. Während des Wahlkampfes dürfen etliche Masten von Laternen und Nicht-Verkehrsschildern oberhalb einer Mindesthöhe von 2,50 m, jedoch nicht im Bereich von Kreuzungen usw. benutzt werden. Die Piraten haben das Plakatieren mit einer App EDVisiert: Bei jedem Aufhängen wurde es per GPS getagt, so dass die unterschiedlichen Teams sehen konnten, wo schon „gepflastert“ wurde. Dies erleichtert später auch wieder das Auffinden zwecks Abbau. Außerdem kann ein Plakat, das als beschädigt oder verschwunden erkannt wird, sofort auf der App markiert werden.
Die sechs Plakat-Motive der Piraten darf man wohl als gelungen ansehen. Plakativer Text, pfiffig, optisch angenehm. Ob das Portrait von Lindner, das NRW flächendeckend ziert, in vier Wochen noch jemand sehen möchte, wage ich zu bezweifeln. Für die Plakate „Keine neuen Schulden“ hatte die FDP extra einen Kredit aufgenommen … ;)
Nach Jahren des Wartens habe ich gestern endlich Iron Sky sehen können. In den Kritiken hatte es immer wieder geheißen, der Film nehme nach der ersten halben Stunde ab, die Charaktere seien hölzern, das Werk würde der Erwartungshaltung, welche die Trailer aufgebaut hätten, nicht gerecht.
Ich wurde angenehm überrascht und bestens unterhalten! Wie jeder gute Science Fiction ist auch Iron Sky ein Spiegel unserer gegenwärtigen Gesellschaft, insbesondere der US-amerikanischen.
Richtig ist, dass sich der Film nicht mit schauspielerischem Kammerspiel aufhält und einzig die Rolle der „Renate Richter“ einen inneren Erkenntnis- und Änderungsprozess durchläuft. Alle anderen bleiben halt, was sie sind, und müssen es auch. Wer erwartet von einer Sarah Pallin oder von strammen Nazis einen Sinneswandel irgendwelcher Art? Bei den Ereignissen auf der Erde geht alles vielleicht ein bisschen schneller, als es glaubhafter wäre, aber ein Film, der bereits mit Nazis auf dem Mond anfängt, ist kein Phantasy-Melodram, sondern eine abgefahrene Polit-Komödie – und zwar eine überfällige. Das rasante Timing ist genau richtig, die Wendungen des Drehbuchs sind nicht voraussagbar, vor allem nicht der Schluss mit seiner grotesken Optik.
Der Film hat nicht ganz den Biss etwa von „Wag the Dog“, was für ein Kinodebut von Autodidakten auch ein bisschen viel gewesen wäre. Die Special Effects allerdings sind Weltklasse. Hieß es bislang in Hollywood, CGI mache die Filme teuer, so geraten durch diese finnische Independent-Produktion, die tutto completto gerade einmal 7, nochwas Millionen gekostet hat, einige Anbieter wohl in Rechtfertigungsdruck. Einzig das Design der Kommandobrücke der „George W. Bush“ hätte optimiert werden können.
Regisseur Timo Vuorensola hatte mir zur Uraufführung ein Interview gegeben. Am meisten beeindruckt mich, dass es ein Haufen enthusiastischer Finnen geschafft hat, aus dem Nichts mit Support aus dem Internet diesen abgefahrenen Film zu realisieren. Ich werde mir diese Woche den Streifen noch einmal in der Originalfassung ansehen.
Der Nichtraucher-Aktivist Sebastian Frankenberger, der den Bayern das Rauchen schwer macht, geht juristisch gegen den konservativen ZDF-Journalisten Wolfgang Herles vor, der ihn einen „wildgewordenen Jungfaschisten nannte. Rankenberger hatte Herles einen offenen Brief geschrieben. Herles hat in einem Brief an Frankenberger offenbar nachgelegt.
Frankenberger selbst ist Theologe, ehemaliges CSU-Mitglied und Bundesvorsitzender der bayrischen ÖDP. Er hält außerdem den Weltrekord im 44 Stunden Dauerdebattieren. Eine möglicherweise erforderliche mündliche Verhandlung könnte also anstrengend werden. Ich würde mich freuen, wenn das Landgericht Hamburg mit dem Fall befasst würde … ;)
Die hessischen Piraten haben gestern das Bundesverfassungsgericht gegen das Verbot von Tanz-Flashmobs am Karfreitag angerufen. Hier im beschaulichen Münster geht derweil das Ordnungsamt auf Patroullie, um die talibanen Verhältnisse sicherzustellen.
Die Macht der Kirche hat in Münster eine gewisse Tradition. Am Turm der Lambertikirche etwa hängen drei Käfige, in welche 1536 die Leichen dreier hingerichteter Wiedertäufer zur Schau gestellt wurden, damit jedermann beim öffentlichen Verwesen Reality-TV-mäßig zusehen konnte. Die letzten Knochen sollen noch im 19. Jahrhundert herunter gefallen sein. Zwischendurch haben die Religiösen übrigens den 30jährigen Krieg veranstaltet.
Ich habe heute beschlossen, wieder mit Tanzen anzufangen. Suche nette Tanzpartnerin im Raum Münster für Salsa oder Tango!
Beim Chaos Communication Camp 2011 des CCC auf dem zum Freilichtmuseum ausgebauten ehemaligen Militärflughafen Finofurth konnte man in den Hangars ausgestellte Flugzeuge besichtigen. Neben einem Weltkriegsbomber stand dort völlig unkommentiert diese Reichsflugscheibe. Kennern war natürlich klar, dass es sich um ein Requisit für den finnischen Film Iron Sky handelte, der dem Vernehmen nach unter anderem auch in Finofurth gedreht wurde. Der nerdige Film läuft heute in den Kinos an. Zur Uraufführung in Berlin hatte ich den Regisseur Timo Vuorensola interviewt – auf meine Weise … ;-)
(Wegen diverser Nachfragen: Das Interview ist echt.)
Zur aktuellen Posse um CICERO sage ich im Moment mal besser nichts … ;)
Aber als ich diesen unfassbaren Rant des Chefpublizisten des Ringier-Verlags Frank A. Meyer ansah, der CICERO verlegt, bin ich vor Lachen fast erstickt. Die Theorien, die da über die Piraten ausgegeben werden, sind wirklich „epic“ im Quadrat. Wir brauchen unbedingt mehr solche Dinosaurier.